Tagesarchiv: 7. Juli 2012

Von der Kunst und dem Geld


Ein Aufschrei geht durch Deutschland: der politische Geschäftsführer der Piraten, Johannes Ponader, bezieht immer mal wieder ALG2. Dieser Aufschrei wirft ein Schlaglicht auf die Art und Weise, wie Politiker gesehen werden, aber auch darauf, wie freie Künstler gesehen werden. Denn ich hatte auf Twitter geschrieben “Viele hochbezahlte Schauspieler beziehen Sozialhilfe. Da regt sich keiner auf”. Wie man denn sowas behaupten könne, gibt es dafür Belege? Nun, die Belege liegen eigentlich auf der Hand: nicht jeder Fernseh- und schon gar nicht Filmschauspieler ist jeden Tag fest im Engagement. Wenn der Film “ein Krankenhaus in Cornwall” abgedreht ist, geht es erst einmal aufs Arbeitsamt, arbeitslos melden – wie es jeder andere auch täte, der seinen Job los geworden ist. Dazu hat auch ein Künstler das Recht. Und was kommt dann? Eigentlich das Gleiche, wie bei allen anderen auch. Je nach Länge der Beschäftigung erstmal Arbeitslosengeld und nach einem Jahr ALG2. Das ist nicht mal so selten, denn Rollen sind rar. Denn, das übersieht gerne jeder, die Glamourbranche ist so glamourös nicht, die Tagesgagen sind teilweise nicht schlecht, aber alles andere als so, dass man sich einen lauen Lenz machen könnte. Hier verdient keiner Fanstastillionen pro Film wie in Amerika. Rund 2000 Euro pro Tag gibt es im Schnitt für bekannte Gesichter, diejenigen Schauspieler, die in Deutschland gut davon leben können, dürften in Deutschland nicht mehr als 200 sein.
Trüber sieht es für das Heer anderer Künstler auf: Schauspieler und Regisseure, die für 200 Euro pro Abend den Papageno in Kniritz an der Knatter geben, den Maler, der ab und an ein Bild für 1000 Euro verkauft, die Band, die immer mal wieder ein Engagement bekommt und vom Plattenvertrag träumt, der freie Schriftsteller…all die sind darauf angewiesen, ab und an Unterstützung zu beziehen. Diese etappenweise Unterstützung ist Gang und Gäbe und es wundert mich, dass das Arbeitsamt bei Johannes Ponader damit so hoffnungslos überfordert war. Natürlich gibt es noch einen Weg: den einen oder anderen Job zu machen, der Geld bringt, aber die Künstler in ihrer Kunst beschneidet. Und hier sind wir bei dem Punkt, den Johannes Ponader meiner Meinung nach zeigen will.
Denn was bringt eine Gesellschaft wirklich weiter? Da sind wir bei der Fabel von der Ameise und der Grille. “Da könnte ja jeder kommen”, heißt es dann. Oder “Nur wer arbeitet, darf essen.” Künstler, Freiberufler, Ehrenamtliche arbeiten ja auch. Nur stellt sich da die Bezahlung nicht immer sofort oder ausreichend ein. Da gibt es Durststrecken. Soll es deswegen keine Kunst mehr geben? Nun, dass das möglich sein sollte, dafür setzen wir uns Piraten ein. Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen für jeden. Wir hätten gerne eine Republik mit einem Recht auf Glück und einem Recht, den Beruf auszuüben, der einen erfüllt und glücklich macht. Vielleicht ist es (noch) eine Utopie – aber wer es als asoziale Unverschämtheit geisselt, sollte sein Weltbild überdenken. Ich würde in einer Welt ohne Grillen nicht leben wollen.

Der zweite Punkt, der mich irritiert, ist das Bild der Politiker. Anscheinend ist es völlig selbstverständlich, dass prominente Politiker Gutverdiener sind. Dass eine politische Partei reich ist. Das ist falsch. Die Piraten stehen am Anfang, beziehen kaum die Parteiunterstützung der Etablierten – wir können uns es nicht leisten, Vorstand und Ehrenamtliche zu bezahlen. Viele empfinden jetzt die staatliche Unterstützung mit ALG2 als Frechheit, aber über die Millionen der Parteienfinanzierung und Spenden wird kein Wort verloren. Es wird sich beschwert über die angeblich zu hohen Diäten der Politiker, ein mittlelloser Politiker ist aber genauso ein Unding. Als ob man sich als politische Partei ganz selbstverständlich aus den Staatstöpfen bedienen könnte. Wie pervers ist das denn? Steuern, Vortragshonorare, Vorstandsposten im großen Stil beziehen ist supi, im klitzekleinsten, dem ALG2, ist Geld vom Staat Ausnutzen und eine Sauerei? Das ist Bildzeitungslogik, die den sozialmißbrauch geisselt und über den steuerlosen Deal von VW mit Porsche kein Wort verliert. Dass, was eine Hyporealestate schon an Stuergeldern verschleudert hat, kann eine Armee von Hartz IVlern versorgen. Ich würde mir wünschen, die Leute würden das erkennen und anfangen, mit gleichem Augenmaß zu messen. Und es ist traurig, dass es “Anhänger” der piraten gibt, die erklären, das Tun von Johannes Ponader würde schaden. Er hat versucht, eine Grundidee der Partei, das bedingungslose Grundeinkommen, vorzuleben.  Er ist an den herrschenden Bedingungen gescheitert. Aber er hat eine Diskussion angestoßen.  Wer das als Schaden empfindet, sollte uns nicht wählen.

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